Das Rote Kreuz hilft Flüchtlingen bei der Suche nach Verwandten

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Europakarte mit einer Flüchtlingsfrau beim Roten Kreuz

Wie und warum Flüchtlingen helfen

Mutter und Kind getrennt

Nicht wenige Flüchtlinge, die es nach Europa geschafft haben, verloren unterwegs den Kontakt zu ihrer Familie. Sie haben oft noch keine feste Bleibe gefunden, haben kein Telefon, sind desorientiert und sprechen die Sprache des Landes nicht, in dem sie sich aufhalten. Was kann man tun, damit sie ihre Familienangehörigen wiederfinden? Monika engagiert sich beim Deutschen Roten Kreuz und hilft diesen Menschen bei ihrer Suche.

Die Website www.tracetheface.org

Wie kann man z.B. einer afghanischen Frau helfen, die in Deutschland angekommen ist und sagt: „Ich kam mit meinen zwei Töchtern auf einem Boot in Griechenland an. Dann wurden wir in verschiedene Busse gesetzt, und seitdem weiß ich überhaupt nicht, wo meine Töchter sind.“

Rotes KreuzSuchdienst des Roten Kreuzes Trace the face

Das Rote Kreuz hat eine Website www.tracetheface.org erstellt, die sich an Flüchtlinge ab 15 Jahre richtet, die ihre Angehörigen auf der Flucht verloren haben. Über das Rote Kreuz des Landes, in dem sie sich aufhalten, können diese Menschen ihr Foto online stellen lassen. (Fotos von gesuchten Personen zu veröffentlichen ist nicht möglich.) Auch über Plakate werden die Bilder in vielen Ländern veröffentlicht. Auf dem Foto steht, welches Familienmitglied gesucht wird. Zum Schutz der Betroffenen kann man nur von einem Mitarbeiter des Roten Kreuzes erfahren, wie die Person auf dem Foto heißt und wo sie sich aufhält.trace the face
Man rät also der afghanischen Mutter, sich fotografieren zu lassen.
Und vielleicht wird eine ihrer Töchter, die sich möglicherweise in einem anderen Land Europas befindet, ihre Mutter auf einem Plakat oder im Internet sehen und sagen: „Das ist meine Mutter, ich möchte zu ihr“. In diesem Fall überprüft das Rote Kreuz die Identität beider Personen: es fragt die Person, die ihr Foto gepostet hat, ob sie Kontakt mit jemandem aufnehmen will, die sich ihre Tochter nennt. In vielen Fällen klappt es, die Familien finden sich wieder.

Die Suche von Kindern

Es gibt für Kinder, die von ihrer Familie innerhalb Europas getrennt wurden, eine spezielle Website Trace the Face Kids. Dort findet man Fotos von Kindern, die nach ihren Angehörigen suchen, sowie Fotos von Angehörigen, die nach Kindern suchen. Diese Bilder können nur mit einem Rotkreuzmitarbeiter eingesehen werden. Wenn jemand kommt und sagt: „Ich suche nach meiner Tochter“, überprüft man, ob diese Person keine böse Absicht hat. Erst danach werden Fotos gezeigt. Und wenn jemand sein Kind erkennt, dann werden sie miteinander in Kontakt kommen.

Kontakte zu Familienangehörigen im Heimatland

Die Geflüchteten, die in Deutschland sind, wollen manchmal auch Kontakt zu ebenfalls auf der Flucht befindlichen Familienangehörigen oder im Heimatland herstellen. Somalia oder Syrien sind sehr instabile Länder, viele Städte und Dörfer sind zerstört, viele Leute sind im Gefängnis. Durch den Suchdienst des Roten Kreuzes können Menschen erfahren, ob ihre Familienangehörigen noch leben, wer verhaftet oder frei ist ... Diese Infos zu bekommen ist für Flüchtlinge sehr wichtig, denn dadurch nimmt der Riesenstress ein wenig ab.

Einen Suchantrag stellen

Flüchtlingmutter sucht ihr Kind

Die Anträge werden von Ehrenamtlichen ausgefüllt. Zwei bis drei Stunden dauert es pro Antrag. Als erstes trägt man Infos über die gesuchte Person ein. Man gibt den Nachnamen, den Vornamen, das Geburtsdatum an und beschreibt, wo und wann man diese Person das letzte Mal gesehen hat.

Das Problem der Namen

Viele Geflüchtete sprechen eine Sprache, deren Schrift ganz anders ist als unser lateinisches Alphabet. Man kann ihre Vor- und Nachnamen unterschiedlich auf Deutsch schreiben. Auf Arabisch zum Beispiel schreibt man nur Konsonanten. Zum Beispiel schreibt sich Mohammed M H MM D. Welche Buchstaben sollen aber dazwischen stehen? O oder U? A oder E? Es gibt verschiedene Möglichkeiten.Mohammed in arabischer Schrift und in lateinischen Buchstaben geschrieben

Nun sind Vornamen wie Mohammed bekannt. Für Nachnamen ist es aber viel schwieriger. Und ein Grieche wird den Namen anders hören und schreiben als ein Deutscher oder ein Franzose. Man muss also versuchen, den Namen möglichst genau aufzuschreiben.

Das Problem des Geburtsdatums

Es gibt Länder, wo das Alter keine wichtige Rolle spielt, also kennen diese Menschen ihr Geburtsdatum gar nicht. Wie kann man nun jemanden beschreiben? Man kann nach dem Beruf fragen, der Gesuchte hatte vielleicht einen kleinen Laden und alle im Dorf kannten ihn. Dann weiß jeder dort, von welchem Mohammed die Rede ist.
Das Dorf muss man aber kennen. Für Somalier zum Beispiel ist das Stammesvolk wichtig. Daraus kann man auf die Heimatregion schließen. Jeder Stamm ist in Clans unterteilt, also ist der Name des Clans sehr wichtig. Aber manche kennen diese Infos nicht.

Unterschiedliche Kenntnisse

Rettung von Flüchtlingen

In Ländern wie Somalia gehen viele Kinder nicht zur Schule, weil es Krieg gibt oder die Schule kostet Geld und die Eltern haben kein Geld. Stellt euch ein neunjähriges Kind vor, das aus einem Flüchtlingslager abhaut, um nach Verwandten in Europa zu suchen. Es kennt sich nirgendwo aus, spricht die Sprache nicht, hat kein Geld… Diese Kinder sind ganz anders als ihr. Sie haben ganz andere Erfahrungen gemacht, sie haben furchtbare Dinge durchgemacht, sie haben den Krieg erlebt.
Und viele Hilfesuchende kennen sich mit den Ländern Europas nicht aus, sie wissen nicht, ob sie einen Familienangehörigen in Slowenien oder in Österreich verloren haben, oder ob es an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland war. Deshalb sind diese Suchaktionen ganz schwierig.

Verschwundene, unterwegs Ertrunkene …

Boot mit Flüchtlingen

Bei der Suche nach Familienangehörigen wissen die Menschen oft gar nicht, ob die Gesuchten noch am Leben sind. Seit einem Schiffsunglück ist ein Teil der Familie verschwunden. Es kann sein, dass sie ertrunken sind, aber auch, dass sie von einem anderen Schiff gerettet worden sind. Über diese Umstände zu sprechen ist sehr schmerzhaft, oft ist es gar nicht möglich.
Manchmal sind die Menschen tatsächlich gestorben. Verschiedene Organisationen versuchen Register der ertrunkenen Menschen zusammenzustellen. Oft kennt man ihre Identität nicht. Man beschreibt Merkmale, wie das geschätzte Alter, das Geschlecht, die Größe, die Haarlänge, Tätowierungen oder Schmuck…
Geflüchtete sind in einer ganz besonderen Lage. Es ist schwierig für uns, sich hineinzuversetzen. Aber es ist wichtig für sie zu erfahren, ob der Mann, die Frau, der Sohn… gestorben sind, es beendet eine quälende Ungewissheit und hilft ihnen beim Aufbau eines neuen Lebens.

Die Sprache

Wenn sie weder Englisch noch Deutsch reden, muss man einen Dolmetscher finden. Manche bringen jemanden mit, der Englisch oder Deutsch schon kann.

Nach Frauen suchenFlüchtlingsfrau mit Kindern

Manchmal möchten die Frauen sich nicht fotografieren lassen, weil es in ihrer Heimat nicht üblich ist. In manchen Ländern können sie eine Suchanzeige per Radio machen.
In Afghanistan ist es auch nicht üblich, nach einer Frau zu suchen. Eine Frau soll dort immer unter Schutz von ihrem Vater oder Ehemann oder Bruder oder ältesten Sohn leben. Um Informationen über eine Frau zu bekommen, sucht man also nach einem männlichen Verwandten. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Afghanistan z. B. wird nach dem Bruder suchen und ihn dann fragen, ob er etwas über den Aufenthalt seiner Schwester weiß. Jedes Land hat Eigenschaften, die man berücksichtigen muss.

Warum engagieren Sie sich beim Roten Kreuz?

Die Geflüchteten brauchen Hilfe, auf allen Ebenen. Ich muss nur Formulare richtig ausfüllen, mit Menschen, die ihre Familienangehörigen suchen. Es ist ein kleiner Beitrag, aber jedes Mal ist es die Begegnung mit einem Schicksal.

 

Interview mit Monika: Gaïa, Manon, Mathilde, Natalia und Rosalie
Zeichnungen: Gaïa, Manon, Mathilde, Natalia und Rosalie
Text, Zeichnungen und Foto: © Grand méchant loup | Böser Wolf März 2016
Geflüchtete Frau sucht ihr Kind mit Hilfe des Roten Kreuzes

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